Mittwoch, 14. Dezember 2011

7. Ein wenig Kritik

Die Zeit vergeht (Überraschung) wie im Fluge, nach ziemlich exakt einem Monat mal wieder ein Beitrag:


Ich hatte letztens mit meinem ehemaligen Englischlehrer (sollte er es lesen: Grüße!) auf facebook Kontakt und kam auch darauf zu sprechen, dass mein Blog mehr und mehr einem Reisebericht ähnelt. Dieser Gedanke missfiel mir und so setze ich mich nun mal daran, ein paar Sachen aufzuschreiben, die mir hier aufgefallen sind /ein wenig missfallen haben, beziehungsweise es weiterhin tun.


Als ich am letzten Sonntag nach einem sehr schönen Wochenende in der "Capital" (Santo Domingo), wo wir Freiwilligen (die sechs Üblichen + drei weitere vom GIZ) uns mit dem Besuch eines deutsch-dominikanischem Weihnachtsmarktes und weiteren Sachen vergnügten, wieder in meiner Stadt ankam und um die Ecke in Richtung meines Hauses bog, hatte ich zum ersten Mal den Drang verspürt, in den nächsten Flieger zu steigen und nach Hause zu fliegen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatten zwei Kinder einen Straßenhund an einem Seil festgebunden und peitschten ihn mit Freudenschreien mit einem Stock aus, während er (er konnte sich kaum mehr bewegen, da er vorher bereits wahrscheinlich angefahren wurde) nur unter Schmerzen jaulte. Die älteren Herrschaften, die sich sitzend auf dem Mittelstreifen befanden, guckten amüsiert zu und unterhielten sich angeregt weiter. Was hätte ich jetzt tun sollen? Eingreifen oder ignorieren? Da ich der Meinung bin, dass ich anderen Kulturkreisen nicht den meinen für richtig empfundenen Wertekodex aufdrängen sollte (ich habe mich kurz an die Diskussion in Deutschland bezüglich der EURO 2012 erinnert), bin ich weiter gelaufen und habe es so gut wie es geht versucht zu ignorieren. Aber auch wenn es natürlich kein "besser" oder "schlechter" bezüglich solcher Moralverständnisse gibt, war ich mir für kurze Zeit sehr unsicher, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte.


Mit der Zeit bemerkt man ein, zwei Dinge, die einen verwundern oder aber eben auch ein wenig missfallen. 


Verwundert ist man beispielweise, wenn man bemerkt, dass die Kulturkreise doch verschiedener sind, als man es zu Anfang dachte. Es ist ein wenig schwierig hier , Beziehungen zu Dominikanern aufzubauen, die die bloße Oberflächlichkeit einer Bekanntschaft überschreiten. Man kommt eben doch des Öfteren nicht über die üblichen Themen hinweg, beziehungsweise findet keine gemeinsame Basis, um weitergehende Gespräche zu führen.  Da bin ich sehr froh, dass ich ab und an mit einer meiner Cousinen schon Diskussionen über Agnostizismus, den allgemeinen Wertebegriff und sonstige Themen führen durfte; und wir zum anderen dominikanische Freunde gefunden haben, mit denen wir viel gemeinsam haben. 


Ein weiterer kleiner Faktor ist die Tatsache, dass man durch sein äußeres Erscheinungsbild weiterhin oft nach Geld oder sonstigen Sachen gefragt wird. Mir kam letztens ein Mann auf der Straße entgegen der gerade mit anderen Dingen beschäftigt war, als Leute auf der Straße nach Geld/Essen/sonstigen Dingen zu fragen. Kaum sah er mich jedoch, fragte er nach dem Üblichen - Dinero, Dinero. 
Diese sofortige Assoziation von "weiße Hautfarbe -> Geld" hat schon zu so vielen unangenehmen Situationen mittlerweile geführt, dass ich teilweise gar nicht mehr reagiere, sollte ein Unbekannter mich auf der Straße ansprechen. Dies finde ich aber wiederum schade, da ich zum einen Menschen vorverurteile und mir zum anderen viele Gespräche durch die Lappen gehen, nur weil ich gleich vom "Schlimmsten" ausgehe, sollte mir "Rubio, Rubio" entgegen gerufen werden. Zwar ist bisher niemand wirklich ausfallend / aggressiv geworden (außer, dass wir einmal von einer Horde Kindern mit Kieselsteinen beworfen wurden, als wir ihnen kein Geld geben wollten), allerdings zerrt es schon ein wenig an den Kräften, jedes Mal wieder mit einem schlechte Gewissen und dem üblichen "No Tengo Ahora"-Spruch weglaufen zu müssen. Da fällt es einem leichter, der Situation von Anfang an aus dem Weg zu gehen.


Es gibt noch so viele Dinge mehr, die einen ab und an verwundern, sei es die - in meinen Augen nicht überraschende - interessate Rolle der Religion in diesem Lande (auf der einen Seite dürfen Frauen und Männer quasi nicht mal alleine in einem Raum sein/ in sonstiger Weise viel Zeit miteinander verbringen, sofern sie nicht verheiratet sind, auf der anderen Seite wird sich dann gewundert, wenn Männer sich damit brüsten, teilweise drei Freundinnen gleichzeitig zu haben und Frauen mit 21 bereits das zweite Kind erwarten. Wer soll hier sexuelle Aufklärung leisten, wenn selbst Vorträge der Freiwilligen mit einem andauernden "Aber ihr seid dazu eh viel zu jung" unterbrochen werden sowie mit dem Religionsmarterpfahl gewunken wird?Auch schön: große Poster zum Weltaidstag in Salcedo, die auf zwei verschiedene AIDS-Präventionen hinweisen - #1: kein Geschlechtsverkehr (unrealistisch, aber gut); #2: Heiraten. Heiraten (!). Wenn man also z.B. einen AIDS-Kranken heiratet und von diesem schwanger wird, bekommt man kein AIDS, da man ja verheiratet ist. Interessante Überlegung :) . ), 
der verbissene Politikwahlkampf (der mit tiefschürfenden Parolen wie "Beibehalten, was gut ist; Verbessern, was schlecht ist" geführt wird. :) ) , 
die allgemeine Lage in der Gesellschaft (Postkarten zeigen teilweise nicht Orte in der Dominikanischen Republik sondern nur ein Abbild von New York. Damit auch die Menschen, die es nicht in das gelobte Land geschafft haben, ihre Familien weiterhin in der Lüge leben lassen können, sie hätten es nun in die USA geschafft und würden ihre Familienmitglieder bald nachholen) und noch ein, zwei  Sachen mehr, für die mir aber nun die Muße fehlt, sie alle aufzuzählen. 


Ich will jedoch in keinster Weise genervt klingen, denn all das sind nur kleine Ausschnitte aus einem vielfältigen Spektrum mit vielen toller Aspekten. Auch die Tatsache, dass ich (im Gegensatz zu vielen - in meinen Augen zu - idealistischen Mitfreiwilligen, die nun teilweise desillusioniert herumhängen. Mindestens fünf vom ICJA haben auch bereits abgebrochen, aber der "Dezember" ist dafür eh ein berüchtigter Monat :) ) von Vornherein eine sehr - ich nenne es mal "nüchterne" - Angehensweise hatte, hat mir sehr viel hier geholfen. :) 


Denn auch wenn die Arbeit weiterhin nicht so ganz läuft (Das Prinzip des "Manana" in Lateinamerika könnte ganze Bücher füllen :) ), ist es hier wirklich nie langweilig. Das nächste Highlight (Ende Dezember: Reise nach Samana im Nordosten der Insel) / Katastrophe (eine Freiwillige hat sich nun nach Schimmelbefall in Wohnung, Kakerlaken in Koffer und Ratten im Schrank für einen Gastfamilienwechsel entschieden) lauert quasi immer nur hinter der nächsten Ecke.
Mal werde ich von einer 10 Zentimetergroßen Kakerlake durch die Dusche gejagt (ich bin mir weiterhin sicher, dass die Gute auf mich zu gespurtet ist), darf auf einem 5m hohen Baugerüst pseudo-intellektuelle Gespräche über die sozialen Disparitäten in der DR mit einem Künstler führen, oder oder oder oder. :)


Ihr merkt also, mir geht es weiterhin sehr gut, auch wenn dieser Beitrag ein wenig negativer ausgefallen ist als die letzten Kommentare. Mit jedem Tag versteht man den Sinn eines solchen Freiwilligendienstes ein wenig mehr und ist mehr und mehr dankbar, von Deutschland so eine Chance geboten bekommen zu haben. 
Ich sprach letztens bei facebook mit einer Freundin; sie beschwerte sich über den "angeblichen Sozialstaat Deutschland". Das mag alles stimmen, aber ich musste dennoch lächeln, bekommt man hier doch eine ganz andere Sicht auf Dinge wie Riester-Rente, Bafög oder auch Hartz-IV. Von ganz grundsätzlichen Wertschätzungen wie "Wasser" und "Strom" mal abgesehen. Natürlich ist man sich des Wertes von "Wasser" immer irgendwie bewusst gewesen, aber wenn dann halt eben mal für drei Tage kein Wasser zum Duschen, Waschen, Toilettengang et cetera zur Verfügung stehen hat, sieht man das dann doch nochmal ein wenig anders. Gleiches gilt für Strom.




Wie dem auch sei. Auch wenn ich mal wieder mit dem unguten Gefühl abschließe, alles oberflächlich angekratzt und nichts wirklich behandelt zu haben, wünsche ich einen schönen dritten Advent und verspreche einen baldigen weiteren Eintrag. :)


2 Kommentare:

  1. Lieber Lars,
    ich denke, der Dezember ist für uns alle ein kritischer Monat. Am Jahresende beginnen wir wohl gern mit der Bestandsaufnahme. Ich danke dir für den ehrlichen Bericht.
    Sicher wird es mir helfen, hier einiges positiver zu sehen.
    Wir wünschen dir eine schöne Weihnachtszeit,
    liebe Grüße
    Andrea

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